Darmstädter Jazzherbst 2010

Editorial

Der „Verein zur Förderung des zeitgenössischen Jazz e.V.“ besteht aus Jazz-Enthusiasten, die seit 1996 im Jazzinstitut und in der Bessunger Knabenschule aktuelle Entwicklungen, Aufregendes, Ungewohntes präsentieren.
Unser Ziel ist es, Musikern, die etwas Neues, Eigenes wagen, eine Bühne zu geben und dem Publikum Erfahrungen zu ermöglichen, die stets ein wenig den Bereich des Erwartbaren überschreiten.

Ein Fest der Entdeckungen: das soll auch unser Dritter Jazzherbst in Darmstadt werden. Erleben Sie Ihre eigene Stimme im Klangbad, lassen Sie sich von romantischen Punksongs, groovenden Jazztunes und wilden Improvisationen überraschen und seien Sie gespannt, was geschieht, wenn bildende Künstler und Musiker miteinander improvisieren.

In zwei Doppelkonzerten präsentieren wir neben bewährten Exponenten der Jazzavantgarde Vertreter einer jungen Generation von Musikern, die ihr Publikum mitreißen, ohne auf ausgetretene Pfade zu setzen. Gabriele Hasler ist eine Sängerin und Performerin ganz eigenen Ranges: ihr Projekt, das den Auftakt des Festivals bildet, wird die Trennung in Zuhörer und Musiker aufheben und Musik für jeden, der mitmachen möchte, erlebbar machen. Grenzüberschreitend auch der Abschluss des Festivals, wenn am Sonntagnachmittag Künstlerinnen mit Malerei und Videoperformance auf die Improvisationen von Musikern der Darmstädter Szene reagieren werden.

Wir danken herzlich der Stadt Darmstadt und dem Land Hessen sowie unseren Sponsoren dafür, dass sie geholfen haben, diese Veranstaltungen auch in Zeiten des allumfassenden Sparzwangs zu ermöglichen. Gibt es etwas Besseres für ein Gemeinwesen, als in den (musikalischen) Eigensinn der Bürgerinnen und Bürger zu investieren?

Ihr Förderverein Jazz, Darmstadt

Samstag, 30. Oktober, 20:00 Uhr, Evangelische Stadtkirche


Gabriele Haslers Projektchor „Klangbad der 100 Stimmen“

Eine ungewöhnliches Pojekt, das in diesem Jahr quasi den Auftakt zum Hessischen Jazzpodium bildet. Mit einhundert neugierigen Menschen erkundet die Bremer Sängerin und Komponistin Gabriele Hasler im Rahmen eines Workshops an einem Nachmittag gemeinsam die Möglichkeiten der eigenen Stimme. Zusammen mit ihrem Projektchor formt Gabriele Hasler ein organisch wucherndes Chaos zwischen Stille und Schrei, Schamanismus und Experiment. Gesprochenes Wort, Circlesongs, freies Tönen und Improvisationen werden in diesem Nachmittagsworkshop erarbeitet. Ungewöhnliche Klangerzeuger, Texte, Zuspielungen und Live- Elektronik reichern das Getön an. Abends dann werden die Ergebisse vorgetragen und auch das Publikum wird in die Klangfeier einbezogen – ein energetisiertes Bindegewebe aus Schwingung und Klang entsteht – ein „Klangbad der 100 Stimmen“.

Donnerstag, 4. November, 20:30 Uhr, Gewölbekeller im Jazzinstitut

Outline 10


Outline ist das Ensemble, mit dem sich unser „Förderverein Jazz“ aktiv musikalisch präsentiert. Bereits seit vielen Jahren existiert diese Band in variabler Besetzung und ebenso variabler musikalischer Leitung, die an diesem Abend Uli Partheil innehat.

Mit Frauke Kühner (ts), Michael Bossong (ss), Rüdiger Schwenk (as/bs) und einer Rhythm-Section mit Udo Brenner (b), Max Sonnabend (dr) und Uli Partheil (p) werden an diesem „Darmstädter Abend“ des Festivals auch in erster Linie Darmstädter Kompositionen, u.a. von Jürgen Wuchner, gespielt. Frei nach dem Motto: „think global, play local“

Freitag, 5. November, 20:30 Uhr, Bessunger Knabenschule


Morf inviting Laura Robles

Die aktuelle „working band“ des Posaunisten und Komponisten
Johannes Lauer beschäftigt sich konzentriert mit feinsten Wahrnehmungs- und Veränderungsprozessen: der minimalen Veränderung von Tonhöhen und der Position von Schlägen im Takt. Diese Aufgabe der wohltemperierten Stimmung – und auch des „wohltremperiertenRhytmus“ eröffnet Morf einen großen Raum für afrikanische, indische oder auf der Obertonreihe basierende Stimmungssysteme sowie osteuropäische, afrikanische und südamerikanische Rhythmen. Dies alles geschieht mit unvoreingenommener Spielfreude und perfekter Balance zwischen experimenteller Sperrigkeit und den Traditionen des Modern Jazz.

Als Gast hat Johannes Lauer erstmalig die Peruanische Percussionistin Laura Robles geladen. Laura Robles ist in Peru geboren, ihre Wurzeln liegen jedoch in Afrika. Ihre kulturelle Herkunft und ihre intensive Beschäftigung mit afro-peruanischer und (afro-) kubanischer Musik passt gut in das musikalische Labor, bereichert und regt an.

Johannes Lauer (tb)
Christian Weidner (Sax)
Oliver Potratz (b)
Laura Robles (Cajon, Batas, Congas, Timbales, E-Bass)

Art Zentral

Ungewöhnlich malerische Arrangements gehören zum Konzept der sechs Musiker, die sich in Ihren Kompositionen gezielt Raum für freies und interaktives Spiel schaffen. Die Musik lebt von Widersprüchen und sucht doch ständig nach Harmonie. Hier leben sprechende Bäume in leeren Wäldern, entzaubert sich zarter Mädchengesang in wilden Schreien … Art Zentral spielen Jazz, wandern durch das bisweilen entrückte Terrain der Avantgarde, um nach einer Vergnügungsfahrt auf den Wellen des Punkrock in Ihre eigenartige Welt voller Experimente zurückzukehren.

Beate Sampson (Bayr. Rundfunk) über Art Zentral:

Die Würzburger Band Art Zentral rund um die Sängerin und Komponistin Peggy Herzog alias Pegelia Gold zelebriert eine Musik, deren Poesie sich weitab vom klar zu Kategorisierbaren entfaltet. Es geht um Geschichten, die erzählt werden und um ihre unvorhergesehenen Wendungen, es geht um Emotionen, die wandelbar und um Idyllen, die gefährdet sind, und es geht auch um extreme Gefühle, die ihren musikalischen Ausdruck fi nden. So entsteht eine fast fi lmische Musik – eine Kunstmusik, die doch völlig ungekünstelt wirkt …

Pegelia Gold (voc)
Dirk Rumig (Sax/Fl/BCL)
Moritz Cartheuser (git)
Alexander Wienand (p)
Constantin Herzog (b)
Daniel Prätzlich (dr/Glsp)

Samstag, 6. November, 20:30 Uhr, Bessunger Knabenschule

Yahoos

Die Yahoos feiern dieses Jahr ihr 20 jähriges Bühnenjubiläum. 20 Jahre unangepasste Musik, die im Spannungsfeld zwischen freier Improvisation und Komposition, zwischen Jazz, Neuer Musik, Trash und Noise Rock oszilliert. In minimalistischer Duo Besetzung oder in Großformationen wie Yahoos & Aliens.

Es gehört schon viel Idealismus und Kreativität dazu, eine Band über einen so langen Zeitraum am Leben zu erhalten und weiter zu entwickeln. Nach einigen Besetzungsänderungen und stilistischen Experimenten komplettierte Saxofonist Hartmut Oswald die Quartettformation.

Mit den hymnisch-ekstatischen Momenten und dem energetischen Drive ihres aktuellen Programms ‚Zitterbalance‘ bewegt sich die Band stilistisch vielleicht mehr denn je auf klassischem Free Jazz-Terrain.

Christof Thewes (tb)
Hartmut Oswald (sax)
Thomas Honecker (git)
Jörg Fischer (dr)
Rosa Rauschen


Das Quartett um den Urberliner Altsaxofonisten Felix Wahnschaffe ist hier erstmals in seiner neuen Besetzung mit Achim Kaufmann am Klavier zu hören. Komplexe Themen, komplexe Improvisationen, großartiges interaktives Zusammenspiel und das ständige, teils subtile Vorhandensein der traditionellen Merkmale des Jazz zeichnen diesen Bandsound aus. Als „eigenwillig und zeitlos“ beschreibt Wahnschaffe seine Musik, die auf dem breiten Boden der jazzgeschichtlichen Entwicklung aufbaut.

Felix Wahnschaffe (as/comp)
Achim Kaufmann (p)
Andi Lang (b)
Christian Lillinger (dr)

Sonntag, 7. November, 15:00 - 18:00 Uhr, Gewölbekeller im Jazzinstitut

Irrk – Eine interdisziplinäre Reaktionskette

Vier Künstlerinnen und Musiker der Darmstädter Jazzszene begegnen sich, um in spontaner Reaktion aufeinander Musik und Bilder entstehen zu lassen. Traudi Schulte (Bildhauerei und Malerei), Sybill Ariane Keller (Malerei), Ulrike Rothamel (Malerei) und Doris Riedelsheimer (Fotografie) werden im Jazzinstitut mit den Musikern eine gemeinsame Livesession aus Farbe, Klang und Licht entstehen lassen.

Das Projekt „IrRk – eine interdisziplinäre Reaktionskette“ ermöglicht das Erlebnis eines echten Dialogs zwischen Musik und bildender Kunst. Aus ihren unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen reagieren die Künstler in ihrem jeweils eigenen kreativen Prozess auf die Impulse der Musik, und bannen deren Vergänglichkeit in sichtbare Zeugnisse, die Musiker hingegen verwandeln die visuellen Reize in Klang. Eine interdisziplinäre Reaktionskette wechselseitiger Inspiration und eine spannende Kombination von Eindrücken.